Coroner's Lunch
Laos, Stagiaire (MAZ/DEZA)

Crime’n’History in Laos

Um literarisch Zugang zu Laos zu finden, muss man zwei Bücher lesen: Zuerst “Another Quiet American” von Brett Dakin und dann “The Coroner’s Lunch” von Colin Cotterill (von der Dr.-Siri-Reihe gibt mittlerweile acht Bände, hier der erste auf Deutsch für die Englisch-faulen). Dakins Buch ist eine Art langer Blog über die Zeit eines Amerikaners, der bei der Tourismus-Behörde arbeitete (bevor es Blogs gab): Informativ, lustig und mit viel Hintergrund.

Interessanter ist aber die Geschichte von Cotterills Büchern. Die ersten zwei Bände hatte ich an einem der ersten Wochenenden am Stück verschlungen. Sie liegen in jedem bookstore zuoberst, jeder Expat kennt sie und mag sie – unter Laoten sind sie aber völlig unbekannt. Das hat mehrere Gründe: Eine Übersetzung ist schwierig und dann droht die Zensur des Informationsministeriums. Der britische Channel 4 hat bereits eine Repo gedreht.

Zum meinem grossen Erstaunen (etwa so: O_______o) waren Cotterills Bücher in den letzten zehn Jahren NOCH NICHT EIN EINZIGES MAL IN DER VIENTIANE TIMES. Dabei erschien der erste Band 2003. Fast jede Zeitung auf dieser Erde hat mittlerweile darüber geschrieben. Die New York Times gleich dreimal: Eins, zwei, drei.

Das schöne an Laos ist, dass sich alles wichtige auf einigen Quadratkilometern in Vientiane konzentriert. Zugang zu Leuten zu erhalten ist einfach, wenn man sie findet und sofern sie Expats sind. Verleger und Autor waren schnell gefunden. Offenbar hatte die Vientiane Times eine solche Art Text immer als Werbung verstanden und wollte Geld dafür. Also tat ichs selbst und schmuggelte die Story am Marketing-Desk vorbei: “Dr Siri may soon be investigating in Laos“. Sogar mit Aufhänger – die Bücher werden zur Zeit auf laotisch übersetzt.

Ob die Bücher Erfolg haben werden? Das Land hat leider null Lesekultur. Niemand liest. Keine Zeitungen, keine Bücher. Wenn ich Leute frage, ob sie lesen, sagen sie es sei anstrengend. Der Blattmacher, der rechts neben mir sitzt, hats mir gerade so erklärt: “Not many bookshops. And the books are to expensive. We have no possibility to rent books.” Also ein Angebotsproblem? Was, wenn die Nachfrage da wäre, dann gäbe es Skaleneffekte bei der Produktion, einen Büchermarkt etc. etc.? “Not many bookstores”, sagt er. Auch sonst weiss niemand eine Antwort (die meisten reagieren etwa so: ¯\_(ツ)_/¯).

Der Text erschien 1:1. Die “kritischen” Passagen – den Verweis auf China zum Beispiel – wollte niemand ändern. Meine Chefin fragte mich lediglich, ob ich mit Mister Siri gesprochen hätte (das wäre eigentlich ganz interessant gewesen). Insgesamt ist das Stück etwas zu wirr und zu langfädig geworden. Weniger wäre mehr gewesen.

Aus dem MAZ-Tagebuch.

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