Laos, Stagiaire (MAZ/DEZA)

Risse in der weiss getünchten Fassade

Der erste Eindruck von Laos gleicht den weissen Regierungsgebäuden, die hier überall herumstehen: Grell und hübsch leuchten sie in der Sonne, viel ist nie los und die Menschen lächeln alle freundlich. Was hinter der Fassade steckt, merkt man erst nach einiger Zeit. Das Dunkel hinter den weissen Wänden erschliesst sich nicht einmal den seit vielen Jahren hier wohnenden Europäern. Man hört viele Geschichten, ob sie ins Reich der Legenden gehören, ist schwierig zu beurteilen. Nach einer Woche ist nun zum ersten Mal ist mein europäisches Verständnis von Journalismus mit dem hiesigen zusammengeprallt.

Der Kommentar war meiner Chefin war knapp und klar: „I disagree.“ Auf einer Stadtkarte hatte ich eine Moschee entdeckt und dachte, die verfügbaren Informationen zu den Muslimen hier kombiniert mit einem Besuch in gäben ein hübsches Feature. Meine Chefin: „You can write about monks“. Theravada-Buddhismus ist hier die traditionelle Religion.

Vientiane ist eine einzige grosse Familie. Das sagen alle, die länger hier sind. Auch die Redaktion ist eine Familie. Der Bruder meiner Chefin sitzt im Politbüro. „Our ministry“, sagt sie, als wir am That Luang Festival nach tausenden privaten Verkäufern auf die offiziellen Souvenirläden stossen. Es ist das „Ministry of Information, Culture and Tourism“, dessen Abteilung wir sind. Beim traditionellen Hockey-Spiel zwischen einer Mannschaft der Gemeinde und einer der Regierung frage ich sie, für welche Mannschaft sie sei, nach einer langen Pause antwortet sie: „government“. Der beste Reporter im Newsroom heiratet in den nächsten Wochen die Tochter des Verlagsmanagers. Wir schreiben hier alle für die Regierung. Man hört von Zitaten einer Dorfbewohnerin, die um 180 Grad gedreht wurden, von einer scharfen Kritik zu einer Zustimmung für eine vietnamesische Gummiplantage.

Mit neu gedruckten Visitenkarten (100 Stück, 10$) ging ich letzte Woche hier in der Expat-Community auf Promotour (ohne Karte ist man hier ein Niemand). Die einen belächeln die VT und versuchen, sie für ihre eigene Agenda zu nutzen. Sie schicken Artikel über ihre Projekte, die wir häufig 1:1 abdrucken. Andere wiederum hassen das „propaganda newspaper“. Die Augenbrauen ziehen jedenfalls alle zuerst einmal erstaunt in die Höhe, wenn sie von einem „internship at the Vientiane Times“ hören. Was aber niemand bestreiten kann: Wer wissen will, was hier geschieht, muss die „Vientiane Times“ lesen. Die Auflage ist 3000 Exemplare, Zahlen zur Leserschaft gibt es nicht. Wer Werbung machen will, tut dies hier. Die hard facts stehen meistens im Blatt. Durch die klare Haltung und die Berechenbarkeit der Zeitung kann man sich häufig die negativen Aspekte der berichteten Ereignisse auch selbst zusammenreimen. Bauprojekte wie Strassen, Dämme oder Plantagen bedeuten Enteignungen, Umweltschäden und häufig ein wenig Korruption. In Vang Vieng hat die Polizei in den letzten Monate aufgeräumt. Die Zahl der Toten war aber um ein Vielfaches höher als hier (nur einer) angegeben.

Die Menschen selbst sind hingegen wunderbar, gastfreundlich und humorvoll. Das grosse Thema letzte Woche war das That Luang Festival. Ich konnte mit dem VT-Reporterteam mitgehen, inklusive traditionellem Mittagessen mit „baby eggs“, halb ausgebrüteten und gekochten Eiern. Ich schrieb zwei Artikel. Einen über die Festlichkeiten im Wat Si Muang, die etwas kleiner, aber auch schöner waren als die grosse Party beim nationalen Monument. Artikel als PDF. In bewegten Bildern:

Ein zweites Feature schrieb ich über die buddhistische Almosenzeremonie am frühen Morgen. Um vier Uhr früh radelte ich zum Pha That Luang. Acht Uhr hätte auch gereicht. Artikel als PDF.

Am Nachmittag fand auf dem Platz noch das traditionelle Tikhy-Spiel statt. Die Mannschaft der Bürger gewann 5-4. Die Regeln sind einfach: 60 Männer auf dem Platz, ein Holzball von der Grösse einer Kanonenkugel, das Runde muss ins Eckige. Es folgt Chaos.

Die Idee ist wohl, dass ich hauptsächlich solche Features schreibe, die Sicht eines Europäers auf die laotische Kultur und Sehenswürdigkeiten. Das wäre aber schade. Es wäre interessant, auch einen Einblick in die Nachrichten-Produktion zu erhalten, von welcher ich momentan komplett abgetrennt bin.

Aus dem MAZ-Tagebuch.

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